Samstag, 15:30 Uhr. Du sitzt auf der Couch, die Konferenz läuft, dein Team vergibt drei „Hundertprozentige“ – und am Ende steht ein 0:1. Dann kommt im Studio dieser kleine, fiese Wert um die Ecke: xG 2,1 zu 0,6. Und plötzlich fühlt sich die Niederlage nicht nur unverdient an, sondern die Zahlen belegen es auch.
Expected Goals sind genau für solche Spiele gemacht. Nicht als Trostpflaster. Eher als Reality-Check, damit wir nicht jedes Spiel nur nach Bauchgefühl bewerten.
„xG“ steht für „erwartete Tore“. Klingt sperrig, meint aber etwas ziemlich Bodenständiges: Wie wahrscheinlich fällt aus genau diesem Abschluss ein Tor – im Schnitt, über viele ähnliche Situationen? Ein Wert von 0,25 heißt: Von 100 vergleichbaren Schüssen gehen ungefähr 25 rein.
Damit räumt xG direkt mit dem Klassiker auf: „Den muss er machen!“ Selbst ein Elfmeter kommt je nach Modell nur auf etwa 0,76–0,78 – also eher „drei von vier“ als „sicher drin“.
Woher kommen diese Zahlen? Datenanbieter füttern Modelle mit riesigen Mengen historischer Abschlüsse. Opta trainiert sein Modell mit nahezu einer Million Schüssen. Danach schaut das Modell auf Dinge wie Distanz, Winkel und Gegnerdruck – im Matchcenter der Bundesliga findet ihr genau diese Logik auch kurz erklärt.
Wichtig, damit man sich nicht verläuft: xG ersetzt kein Ergebnis. Tore zählen und vor allem Punkte. xG hilft dir „nur“ beim Einordnen – vor allem über mehrere Spiele. Und: xG bewertet die Chance, nicht den Schützen. Ob Weltklasse-Stürmer oder Innenverteidiger – der Wert bleibt erstmal gleich.
Aktuelle Beispiele
Ein Blick in die Bundesliga 2025/26 zeigt den Charme (und die Gemeinheit) sofort: Hoffenheim schlägt Leverkusen 1:0, obwohl Leverkusen auf 1,16 xG kommt und Hoffenheim auf 1,63 xG. Das Ergebnis kippt also nicht wegen „gar keiner Chancen“, sondern wegen Details: Timing, Abschluss, vielleicht auch ein Keeper-Tag. (Bundesliga)
Noch wilder: RB Leipzig – Bayern 1:5. Bayern produziert 3,25 xG, Leipzig 2,77 xG – also kein fünf-Tore-Spaziergang auf dem Papier. Bayern trifft nur brutal effizient, Leipzig lässt liegen. Genau diese Spiele machen xG zum perfekten Stammtisch-Zündstoff.
Nerdwissen für die Kneipe
„Warum zeigt Quelle A andere xG als Quelle B?“ Weil Anbieter unterschiedliche Daten und Annahmen nutzen. Mal fließt die Torwartposition stärker ein, mal die Art der Vorlage. Darum: Nie Quellen mischen, wenn du sauber argumentieren willst.
„xG ignoriert doch Abschlussqualität!“ Stimmt – im klassischen Pre-Shot-xG endet die Bewertung beim Moment des Schusses. Für das Finish gibt’s Varianten wie Post-Shot xG / xG on target, die Platzierung und Schärfe stärker berücksichtigen.
Wenn du über längere Zeit deutlich mehr xG als der Gegner sammelst, landet dein Team meistens oben. Viele Analysten nutzen dafür sogar xG-Differenz und basteln daraus erwartete Punkte-Tabellen (xP). Das klingt nerdig – trifft aber oft besser die „wahre“ Leistung als ein paar zufällige 1:0-Siege.
Fazit
xG nimmt dem Fußball nicht die Magie. Es nimmt uns nur die Ausreden. Du erkennst schneller, ob ein 2:0 wirklich souverän wirkt oder nur geschniegelt aussieht – und ob ein 0:1 eher Pech war oder strukturelles Problem.
Und beim nächsten „verdient!“ am Stammtisch hast du eine Frage parat: „Okay. Aber wie waren die Chancen wirklich?“